Donnerstag, 3. August 2017

Wie die Zeit vergangen ist

Im Journalismus steht man ja total auf anlassbezogene Artikel. Anlässe wie Jahrestage kommen immer gut, sich Dinge nochmals in Erinnerung und ins Gedächtnis zu rufen. Man blickt ein, fünf, zehn Jahre später noch einmal auf die Hochzeit der Royals, das Attentat, den Start von, den Tod von, usw. ... und schaut, wie es heute damit ist, was daraus geworden ist, was danach geschah, ob man hinterher schlauer ist. 

Aus gegebenem Anlass blicke ich heute auf meinen Blog.


Fünf Jahre - auf den Tag genau - ist es her, dass ich meinen Blog startete. Der erste Beitrag war kurz und so eine Art "Hallo, da bin ich!". Ich habe mich einfach hingesetzt und losgelegt. Eine Bekannte, die inzwischen eine Freundin und oft wie eine Muddi für mich ist, hatte beziehungsweise hat auch einen Blog und irgendwie schien mir das ihrem Erzählen nach ein durchaus nettes Hobby. Eigentlich wollte ich einen Blog über Medien machen, der ausschließlich Medienkritik betreibt. Geworden ist daraus ziemlich schnell ein Blog über mein Leben als Journalist und meine Berufung, den Beruf und den Job. Dies und das findet sich hier: Berichte über seltsame Gesprächspartner und Interviewsituationen, Wundern über die Kollegen, Einblicke in das Arbeiten, meine wichtigsten Artikel, die Themenfindung, den Redaktionsalltag, ins Private und ins Gedankenkarussell. Und weil sich - eine Entwicklung der vergangenen fünf Jahre - nicht mehr alles nur um den Job dreht, gibt es seit zwei Jahren auch noch einen zweiten Blog zu allem, was mir persönlich noch so schreibenswert erscheint und nix mit Journalismus zu tun hat.


Ich will gar nicht genau analysieren, wie und womit die Zeit vergangen ist. Keine Frage, in fünf Jahren ist viel passiert. Es war eine gute Zeit. Vielleicht habe ich mich weiterentwickelt, vielleicht sehe ich manche Dinge auch einfach nur anders, vielleicht sehen mich andere nur anders. Als ich anfing zu bloggen, war ich noch verheiratet. Ein Jahr später schon nicht mehr. Fünf Jahre später beliebe ich oft zu scherzen, ich sei nur deshalb verheiratet gewesen, weil ich diesen echt coolen Namen für den Blog haben wolle. Alles goldrichtig so wie es gelaufen ist. Ich bin in vielerlei Hinsicht heute anders als ich damals war.

Meine Muddis haben immer gute Karten für mich.
Als ich anfing zu bloggen, war ich zwar schon eine Weile dabei, aber noch lange nicht so sattelfest wie jetzt in meinem Beruf. Ich habe mehr und mehr Selbstbewusstsein in allen Berufs- und Lebenslagen entwickelt. Ich bin mir meiner selbst bewusst und ich kümmere mich sehr gut um mich. Vielleicht hat das Reflektieren über Job und Leben hier an dieser Stelle mitten im WWW auch einen Teil dazu beigetragen, sehr wahrscheinlich sogar.

Als ich anfing zu bloggen, war ich angestellt. Dann war ich freie Journalistin. Dann war ich kurz angestellt. Dann war ich wieder freie Journalistin. Jetzt bin ich wieder angestellt. Ich will nicht mehr in der Vergangenheit kramen, was in den jeweiligen Phasen schief gelaufen ist oder was jeweils dazu geführt hat und was heute noch so alles nicht korrekt läuft. Die Zeiten des Wutheulens (noch immer einer der meistgelesenen Beiträge hier) sind vorbei oder beziehen sich jetzt auf Dinge, bei denen es wirklich nötig ist. Verliebt, verlobt, verheiratet mit dem Job? Verliebt ja und wir lieben uns (mal mehr, mal weniger), aber die Ehe haben wir annulieren lassen - das ist gesünder für mich.

Als ich anfing zu bloggen, hatte ich keine Ahnung, dass ich in den kommenden fünf Jahren so manche echte Krise zu bewältigen habe und auf dem besten Weg ins Burnout bin. Heute, dem Hinterher von fünf tollen Jahren bin ich in vielerlei Hinsicht zum Leben als Journalist, der Berufung, dem Beruf und dem Job und vor allem dem Leben im Allgemeinen - und wie ich es führen will - schlauer. Ich weiß, was ich will und - oft immer noch besser und wichtiger als Ersteres - ich weiß, was ich nicht will. Ich weiß, dass sich noch sehr viel mehr in meinem Leben entwickeln wird - positiv wie negativ. Ich weiß, dass ich hinterher oft schlauer sein werde.


Also ... Ich freue mich auf die nächsten fünf Jahre und die Entwicklungen. Ich weiß, dass es mir heute viel viel besser als noch vor fünf Jahren geht und dass ich auch damit klarkomme, wenn es mal nicht so läuft wie gedacht, alles halb so wild. Ich weiß, wer an meiner Seite ist und sein darf. Ich weiß, wie ich mir die kommenden Jahre vorstelle und wie ich damit umgehe, wenn es nicht klappt. Wird schon und wenn nich ... na, ma guggn. Alles wird gut. Und wenn das alles schon eine Form oder erste Ausläufer von "altersmilde" sind, freue ich mich auf das Jahr 2076*.

Kurzum: FÜNF JAHRE, YEAH!


* Da haben Mister XL und ich ein Date.

Freitag, 21. Juli 2017

Das Elend mit dem Elend

Wer als Lokaljournalist arbeitet, der sollte nichts gegen Kleingärtner haben. Natürlich besteht gut gemachter Lokaljournalismus aus so viel mehr als Tauben- und Kaninchenzüchtern, Laubenpiepern und Kindergartenfesten, aber drumrum kommt man doch nie so ganz.

Ich hatte mich ja in all den Jahren als überzeugter Lokaljournalist an die Kleingärtner gewöhnt, zuletzt habe ich sie sogar richtig gemocht. Ich kenne da zum Beispiel einen von fast 80 Jahren, bei dem werden auch meine Freundinnen schwach, wenn ich nur seinen Namen erwähne … Horscht Clooney nennen ich ihn, wobei George Clooney sich vermutlich in Wirklichkeit ein Beispiel an seinem Charme genommen hat. Ich trinke eigentlich keinen Kaffee mehr, aber bei Horscht würde ich sofort Koffein in meine Venen spritzen lassen. Kaffee and the Kleinstadt? Mit Horscht jederzeit. Horscht, ach Horscht …

Ich schweife ab. Ich kann Kleingärtner nicht mehr leiden. Zumindest für diese Woche. In einem Kleingartenverein hat der Vorsitzende, jetzt Ex-Vorsitzende, eine stattliche Summe Geld veruntreut. Abbuchung um Abbuchung muss er das Vereinskonto abgeräumt haben. Von dem Geld könnte man schon mal ein schönes Auto oder so kaufen. Über den Fall wird berichtet. Kleinstadt, Lokaljournalismus, Kleingarten, ungewöhnlicher Fall, Bericht, alles klar.

Ich habe mit dem Kreisverband der Kleingärtner gesprochen, mit dem Vorstand des Vereins, mit Kleingärtnern in der Anlage, ich habe versucht den Ex-Vorsitzenden zu erreichen. Vor Kurzem war ich wieder in der Anlage. Wieder sprach ich mit ein paar Leuten, die waren auch alle ganz nett. Dann verließ ich die Sparte und fühlte mich gleich selbst kriminell.

Vor mir baute sich eine Frau auf. Wenn ich noch einmal illegal fotografieren würde, deutete die Frau auf die Kamera (mit Objektivdeckel verschlossen) in meiner Hand, dann setze es aber eine Anzeige. Ich sagte, keine Gärten oder so, sondern nur einen auch von der Straße aus einsehbaren Aushang fotografiert zu haben. Das interessiere sie einen Sch…, meinte die Frau.

Es brach aus ihr heraus. Ich würde mich am Elend bereichern, kassiere dafür noch Extra-Geld und das werde noch bestraft. Ihr aggressiver Blick ließ vermuten, dass sie mich nicht so einfach gehen lassen wollte. Ob sie sich denn noch erinnern könne, dass nicht ich das Geld veruntreut habe? Das interessiere sie einen Sch…

Sie wisse genau, dass ich dafür noch Extra-Geld kassiere. Ich würde mich am Elend bereichern, wiederholte sie. Nein, egal welches Thema, in meinem Vertrag seien keinerlei Extras wegen schlechter Nachrichten vereinbart. Dochdochdoch, sagte sie. Mein Name sei ihr bekannt und sie werde das anzeigen. Und wieder wiederholte sie: „Sie bereichern sich am Elend!“ Ob ich oder Medien im Allgemeinen … „Sie bereichern sich am Elend!“, fiel sie ins Wort. Ich setzte erneut an. Ob ich oder Medien im Allgemeinen sich denn auch am Elend bereichern würden, wenn wir über Kriege schreiben, fragte ich. Ja, "ebend", über die „Scheiß-Ausländer“ würden wir berichten. Dabei gäbe es genug Elend hier vor Ort über das man mal berichten solle.

Ich wollte mich nicht mehr auf die für mich nun doch drängende Konversation einlassen, ob sie sich da nicht ein wenig selbst widersprechen würde. Ich bin gegangen. Einfach gegangen. Manchmal ist es echt schwer Kleingeister UND den Job zu mögen, es geht vielleicht nur eins von beiden.

Freitag, 7. Juli 2017

Damals und heute

2007. 2017. Damals war G8-Gipfel in Heiligendamm. Heute ist G20 in Hamburg. Ich erinnere mich heute lieber an damals als mir das Heute anzuschauen. Damals hatte ich ein Magister-Zeugnis in der Tasche, aber keinen Job. Meine Eltern – auf die man mit 23 genauso gut hören kann wie heute mit 33 - rieten mir, mich doch für den neuen Master in Journalistik an der Uni Leipzig zu bewerben.

Ich musste damals ein Auswahlverfahren bestehen, dafür Wissenstests und vermutlich auch Wesenstests absolvieren und mich dann in der nächsten Stufe mit Arbeitsproben beweisen. Ich weiß heute nur noch, dass ich damals in wenigen Minuten einen Kommentar zum G8-Gipfel schreiben sollte. Was ich geschrieben habe, weiß ich heute nicht mehr. Aber die Prüfer damals müssen das ganz in Ordnung gefunden haben. Ich kam in die nächste Stufe des Auswahlverfahrens.

Eine Gesprächsrunde mit drei Dozenten und drei potenziellen Studenten. Reihum beantworteten wir damals allerhand Fragen, die sie uns stellten und dank derer sie über unsere Tauglichkeit entscheiden wollten.
Welche drei Journalisten wir unbedingt einmal treffen wollen würden und welche Fragen wir ihnen stellen würden, fragten sie. Die anderen beiden hantierten mit wohl berühmten, mehrfach ausgezeichneten Journalisten (die mir bis heute nichts sagen) noch namhafterer Zeitungen und legten wohlformulierte Begründungen hin. Auch sie wollten erreichen, was diese Männer (es waren vor allem Männer) geschafft haben und auch mal was Preisverdächtiges schaffen. Ich war kurz verschüchtert.

„Und Sie?“, bohrte der Prof mir gegenüber. Einen x-beliebigen aber langjährigen Society-, einen Blaulicht- und einen Lokalreporter irgendeiner kleinen Regionalausgabe wolle ich mal treffen, sagte ich und schaute die Praxis-Dozentin neben ihm an. „Ach, warum das denn?“, fragte die Gegenseite nach. Ich wolle sie alle drei einfach nur mal fragen, wie sie das mit Nähe und Distanz in ihrem Job hinbekommen und wie sie die Grenzen ziehen. Heute könnte ich meinem Damals vielleicht ein paar Antworten auf diese Fragen geben. Und heute könnten Ich und Ich einiges diskutieren.

Ich wurde damals aus der Runde angenommen. Nach kaum dreieinhalb Semestern schmiss ich das Studium und ging lieber in die Praxis. Noch heute bereue ich das nicht. Der Master Journalistik ist auch heute schon lang nicht mehr, was er damals noch zu sein versuchte. Es war mir damals – wie heute – zu theoretisch, und noch ein paar andere Dinge mehr im Argen. 

Die Erstsemesterparty war aber nicht schlecht. Wir 30 Auserwählten ließen eine Art Poesie-Album rumgehen, in dem Fragebogen unter anderem Folgendes: „Wo siehst du dich in zehn Jahren?“ Wieder schrieben die anderen von großen und großartigen Plänen, von Preisen, eigenen TV-Formaten und Hängematten auf Bali. Ich schrieb: „Als Name in der Zeitung“.

Freitag, 26. Mai 2017

Der Nervenräuber

Es gehört zum Alltag in Redaktionen, dass der Kontakt mit dem Leser nicht ausbleibt. Das ist ja grundsätzlich auch in Ordnung so. Die Leute/Leser kommen zu uns in die Redaktion und reden mit uns, sie wollen Sorgen loswerden, Themen beachtet finden, Fragen stellen, Kritik äußern. Das ist schön. Von Zeit zu Zeit (bis zu viermal wöchentlich) haben wir es aber mit einem besonders nervigen Exemplar der Sorte Leser zu tun.

Nennen wir ihn doch einfach Babuschek*. Besagten Nerventod kennt man in der Stadt. Meinem Vater beschrieb ich den Mann mal so: „Er sieht aus wie eine von den kleinen Figuren unten auf der Weihnachtspyramide, viel größer ist er auch nicht und er läuft wie Donald Duck.“ - mein Paps wusste Bescheid… 

Der Mann nervt uns, und vermutlich nicht nur uns, seit Jahren. Er kommt und fragt, warum diese und jene Straßensperrung nicht im Blatt stehe – es stellt sich heraus, dass es sich um ein Parkverbot für einen ganz privaten Umzug handelt. Er kommt und fragt, warum wir nicht über jenes Flugzeug berichtet haben, das in terroristischer Absicht fast in die örtliche Schokoladenfabrik geflogen sei, um uns alle fertig zu machen – es stellt sich heraus, dass es sich um einen geistigen Tiefflieger mit optischen Täuschungen handelt … und achja, das Flugzeug war im Landeanflug.

Weil ich streitlustig bin, sind wir in der Redaktion dazu übergegangen, dass ich mit ihm „rede“. Ich sitze oben an meinem PC und höre unten im Sekretariat seine Stimme. Er hört dann meine schnellen und kräftigen Schritte auf der Treppe und guckt neuerdings irgendwas zwischen verschreckt und freundlich, wenn ich um die Ecke biege. Und irgendwo zwischen verschreckt und freundlich verlaufen auch unsere „Gespräche“. Zwei aktuelle Beispiele:

4. Mai 2017


Am 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit, ist auch unsere Zeitung wie viele andere mit einem von Yoko Ono gefertigten Titelbild erschienen.



Yoko Ono


Babuschek betritt die Redaktion. Ich höre ihn sagen: „Das geht so nicht, da müssen Sie mal was machen!“
Schnelle, kräftige Schritte treppabwärts.

Ich: „Tach Herr Babubschek! Was geht so nicht?“
Babuschek: „Na, wie die Zeitung gestern aussah!“
Ich: „Wie sah sie denn aus?“
Babuschek: „Na das Bild ganz vorne, das geht so nicht!“
Ich: „Das Bild wo vorne? Im Lokalteil? In der gesamten Zeitung?“
Babuschek kramt eine Ausgabe aus seinem Stoffbeutel und winkt mit der Titelseite von Yoko Ono.
Ich: „Okay… und wo ist jetzt das Problem?“
Babuschek: „Sie müssen das mal weitergeben!“
Ich: „Was muss ich weitergeben?“
Babuschek: „Dass man das gar nicht lesen kann. Ich habe sogar die große Brille rausgenommen und konnte das nicht lesen!“
Ich: „Lag es vielleicht daran, dass es Englisch ist?“
Babuschek: „Achso?“ Hüsteln „Aber das konnte ich auch nicht lesen, Sie müssen das mal klären!“
Ich: „Mit wem muss ich was klären? Mit Ihrem Optiker? Ihrem Englischlehrer?“
Babuschek: „Neiiiiiin! Mit dem, der das gemacht hat!“
Ich: „Hm. Okay.“
Babuschek: „Machen Sie das?“
Ich: „Ja, nur bin ich mir jetzt nicht sicher … wie verbleiben wir denn nun? Rufe ich Yoko Ono an oder wollen Sie das machen?“
Im Hintergrund sind lachende Kollegen zu hören. Babuschek stutzt.
Babuschek: „Aber das geht doch so nicht! Das können Sie als Zeitung nicht machen, sowas hat Folgen!“
Ich weise auf die Tür: „Sie sind der beste Beleg dafür, dass Deutschland nur Platz 16 in der Rangliste der Pressefreiheit hat, schönes Leben noch!“
Babuschek zieht schnaubend davon. Ich google die Telefonnummer von Yoko Ono, habe beim ersten Versuch keinen Erfolg und gebe schnell wieder auf.

12. Mai 2017


Auf der lokalen Titelseite erscheint eine große Ankündigung zum Tag der offenen Gartentür in meiner Stadt, diese Aufmachung ist garniert mit einer Optik eines älteren Paares. Der abgebildete Mann ist Teilnehmer der ersten Stunde, ich nenne ihn „Horscht Clooney“ und ich mag ihn - und zu DDR-Zeiten muss er mal ein großes Tier in der Partei gewesen sein. Das war 1989, wir haben 2017.

Babuschek betritt die Redaktion. Ich höre ihn sagen: „Sie machen sich Feinde!“
Sehr schnelle, sehr kräftige Schritte treppabwärts.
Ich: „Womit, Herr Babuschek, womit?“
Babuschek weist mit wild schnippendem Finger auf die lokale Titelseite: „Mit diesem Foto da!“
Ich: „Wieso?“
Babuschek: „Wissen Sie denn nicht, wer das ist?“
Ich: „Doch, steht ja sogar dran!“
Babuschek: „Wissen Sie, was dieser Mann früher gemacht hat?“
Ich: „Früher war ich Quark im Schaufenster.“
Babuschek: „Diesen Mann kann hier keiner leiden.“
Ich: „Ich schon.“
Babuschek: „So machen Sie sich Feinde. Den kann keiner leiden.“
Ich: „Na und?“
Babuschek: „Sie müssen eine Gegendarstellung zu dem Foto bringen!“
Ich: „Ui, das wird nüchtz!“
Babuschek: „Ich will Sie doch nur warnen, Sie machen sich alle Feinde, den Mann kann keiner leiden und den können Sie doch nicht in der Zeitung zeigen!“
Ich: „Wissen Sie, den Oberbürgermeister kann auch keiner leiden und der ist fünfmal wöchentlich bei uns im Blatt.“
Babuschek: „Ich will Sie nur warnen!“
Ich: „Wovor?“
Babuschek: „Dass es Morddrohungen gegen Sie geben könnte!“
Ich: „Drohen Sie mir etwa?“
Babuschek: „Neiiiiin, ich sag doch nur, dass das passieren kann, dass Sie Morddrohungen bekommen!“
Ich: „Gut. Wir wollen doch nicht, dass ich mal ein Hausverbot gegen Sie ausspreche, ne!?“
Babuschek: „Wie Hausverbot?“
Ich: „Sie haben schon verstanden, und jetzt gehen Sie!“

Seitdem haben wir Babuschek nicht mehr gesehen. Das ist bestimmt nicht von Dauer. Ich rechne derweil fest damit, dass ein von IS-Terroristen gesteuerter Kampfjet zwecks Zerstörung wichtigster Infrastruktur auf die Schokoladenfabrik einer 25.000-Einwohner-Stadt stürzt, so den Umzug eines Mannes zunichte macht, den keiner leiden kann, jemand wegen falscher Bildauswahl die Redaktion kurz und klein haut und Yoko Ono uns zu Ehren eine Titelseite macht, die eh keine Sau lesen kann.

Sonntag, 14. Mai 2017

Gegen das Rauchen

Neulich war in der Zeitung, für die ich arbeite eine Beilagenreihe zum Thema Gesundheit. Im Allgemeinen und Besonderen wurde auf verschiedene Felder eingegangen. Ein Part befasste sich mit der - nicht mehr ganz so neuen - Erkenntnis, dass Sitzen das neue Rauchen sei. 

Sitzen ist das neue Rauchen? Es soll alarmieren: sitzende Tätigkeit ist so gesundheitsschädlich wie das Quarzen. Es gibt da wohl einige Studien, es gibt Bücher und Unmengen an Artikeln. Kurzum: wer viel sitzt, stirbt früher und ist auch noch selbst daran schuld - wie beim Rauchen. Zu langes Sitzen führt zu Muskelverspannungen und Rückenproblemen, es erhöht die Risiken für Bluthochdruck, Diabetes, Arteriosklerose, Thrombosen und manche Krebsarten. Sogar Teile des Hirns sollen im Sitzen degenerieren. Na, das sind ja tolle Aussichten ...

Wie "nett", dass diese Beilage ausgerechnet zu uns Bürotieren ins Haus kam. Ich dachte ja bislang, wir hätten als Journalisten einen recht aktiven Beruf, der kaum mal von Tag zu Tag gleich ausfällt. Pustekuchen... mental beweglich zu bleiben, hat eben nix mit körperlicher Bewegung zu tun. 

Die Deutschen sitzen angeblich rund 14 Stunden am Tag, und wir Journalisten sitzen vermutlich sogar noch länger - weil die Bürotage oft länger sind. Und haben wir Termine, dann fahren wir mit dem Auto dorthin und sitzen dort wiederum beim Gesprächspartner. Und im restlichen Leben sitzen Journalisten genau wie alle anderen auch: schon beim Frühstück, dann im Auto oder in sonst einem Vehikel auf dem Weg zur Arbeit, abends gemütlich auf der Couch.

Was tun?


Ich schaue mir meine älteren Kollegen in diversen Redaktionen an und sehe, dass sie in den vergangenen Jahren in erster Linie körperlich an Format gewonnen haben. Vor allem aber berichten immer wieder ältere Kollegen von Rückenproblemen und sonstigen Erkrankungen des Bewegungsapparats. Und der nicht mal 40 Jahre alte Kollege fiel mal vier Wochen wegen einer kaputten Schulter aus. Und die hatte er sich nicht beim Tennis oder so, sondern im Büro zugezogen. Das gibt mir mit meinen 33 Lenzen dann schon zu denken ...

Ich habe mich schon vor einiger Zeit gegen das Rauchen entschieden. Ich laufe zur Arbeit. Okay, der Weg ist auch verdammt kurz. Ich fahre nach Möglichkeit mit meinem Rad zu Terminen. Okayokay, man sitzt auch auf einem Rad - aber anders, immerhin trainiert man den Muskelapparat. Ich sitze kaum eine Stunde still an meinem Rechner. Ein durchschnittlich nerviger Tag mit mir beginnt ja schon so: Ich komme in die Redaktion. Ich gehe hoch in mein Büro und lade meine Taschen ab. Ich gehe durch die anderen Büros und schaue, wen ich noch begrüßen kann. Ich gehe in mein Büro und hole mir einen Teebeutel. Ich gehe runter zum Wasserkocher und schalte ihn an. Ich gehe wieder hoch und starte meinen Rechner. Ich gehe runter und brühe den Tee auf. Ich gehe wieder hoch. Ich setze mich an den Rechner und drucke Mails aus, am liebsten auf dem Drucker der unteren Etage. Ich stehe auf und hole sie, um sie auf meinen Schreibtisch zu bringen. Ich gehe runter und hole meinen Tee. Ich setze mich wieder, beginne meine Liste an Aufgaben abzuarbeiten. Zwischendurch stehe ich auf und schaue wenige Meter weiter ins Terminbuch der Redaktion. Ich stehe auf und lese in der heutigen Ausgabe, die aufgeschlagen auf einem Regal liegt. Ich rufe den Kollegen nicht an, ich gehe rüber oder runter in sein Büro und stelle meine Frage. Ich stehe auf und mache noch einen Tee oder hole mir ein Glas Wasser. Und so geht es immer weiter ... bis ich irgendwann zum Feierabend aus der Redaktion gehe.

Und ansonsten ist da noch die Sache mit meiner Leidenschaft für tägliches Yoga. Seit geraumer Zeit gehe ich zudem fast täglich mit einer Freundin spazieren oder ich drehe allein meine Runde. Dann habe ich neuerdings die Sache mit dem Joggen entdeckt. Den Post hier schreibe ich gerade zwar sitzend, aber der Sitz erinnert irgendwie an eine Yoga-Asana, mit so verknoteten Beinen und einem weit nach vorne gestreckten, fast auf der Tastatur aufliegenden Oberkörper. 

Es könnte klappen


Diese Woche traf ich einen ziemlich drahtigen Kerl, der gestern seinen 95. Geburtstag gefeiert hat. Darüber, dass er mit 95 Jahren noch jeden Tag seinen Kleingarten bewirtschaftet und ziemlich fit ist, schrieb ich einen kleinen Artikel. Ich nahm es dem Mann nicht die Bohne krumm, dass er Allgemeinplätze wie "Wer rastet, der rostet" zum Besten gab. Jeden Tag Bewegung müsse einfach sein, sagte er, dann klappe das auch bei mir mit der 95. Spaziergänge würden nur was bringen, wenn sie "strafff" ausgeführt werden, riet er und schwärmte von seiner täglichen bis zu fünf Kilometer langen Runde. Außerdem solle ich viel Gemüse essen - am besten selbst angebautes, weil "noch mehr bio geht nicht". Und nur nicht zu lange auf meinem Hintern solle ich sitzen, reckte er mir seinen Zeigefinger entgegen, "da könn' Se ja och gleich paffen!" Ich biss dankend in eine noch sehr zarte Gewächshausgurke, schwang mich auf mein Rad und hatte ein gutes Gefühl.