Donnerstag, 14. Dezember 2017

Die Wahrheit an der Lügenpresse

Donnerstag = Planungstag. An diesem Tag muss jeder Reporter/Redakteur der Redaktion einen Plan abgeben, in dem er auflistet, was er an welchem Ausgabetag der nächsten Woche abliefert – Aufmacher, Kellerbeiträge, Fotos, Anker und die Seite 3. Daraus wiederum entsteht der Wochenplan der Redaktion. Ich sollte also jetzt schon wissen, was am Montag in einer Woche in der Tageszeitung steht. Und ich weiß, welchen Aufmacher mein Kollege am nächsten Donnerstag liefern wird. Schöne Listenwelt ... Und ihre Qualität ist den Beurteilern der Liste so wichtig wie die Quantität der Liste.

Kurzum: Donnerstag ist kein beliebter Tag unter den meisten Redakteuren. Bislang kam ich noch ganz gut zurecht mit diesem Tag und habe – finde ich – immer wieder gute Themen angeboten und davon auch nicht zu knapp. Ich habe mich gefreut auf diese vielen kleinen und großen Projekte der nächsten Tage. Und strukturiertes Arbeiten und Organisation liegen mir ohnehin, ich konnte also in 99 Prozent der Fälle garantieren, dass ich auch liefere, was ich notiert habe. Alles schick.

Nicht mehr. Jetzt mutiert der Donnerstag auch für mich zu einem Montag wie ihn jeder Angestellte fürchtet. Donnerstag? Mäp, hör mir uff mit dem! Donnerstag? Hab ich keinen Bock drauf! Waaaaaas, schon wieder Donnerstag? Och nö, ich möchte lieber liegen bleiben.

Ist klar. Erst recht zum Jahresende. Die Redaktion ist müde, die Kollegen scheinen leer und verbraucht. Jetzt hat es auch mich, mit 33 Jahren das „Küken“ der Redaktion (schlimm genug, dass man in dem Alter die Jüngste einer Redaktion sein kann), auch erwischt. Ich fühle mich noch leerer und noch verbrauchter. Ich bin müde. So kommt Donnerstag X und plötzlich fällt einem nicht mal mehr ein, was man auf den Plan schreiben soll. Weil da nix ist. Keine Idee, kein Funke, keine Lust. Alles 08/15 und manchmal nicht mal das. Kein Kracher. Kein Knaller. Keinen Bock.

Kein Wunder!

Ich habe das mal ausgerechnet. Durchschnittlich schreibe ich – wie vermutlich gefühlt 90 Prozent der Kollegen (bzw. mindestens 90 Prozent fühlen sich so) - täglich bis zu 220 Zeilen. Das ist so ungefähr jeden Tag die Textmenge, die der Mittelbau einer klassischen Zeitungsseite fasst plus drei bis vier kleinere Nachrichten. An Spitzentagen sind es 500 Zeilen. Tage unter 200 Zeilen in den vergangenen Wochen und Monaten fallen mir kaum noch ein, eine Handvoll könnten es sein. Natürlich ist Schreiben mein Job. Und grundsätzlich ist der Job einer der schönsten der Welt. Nur die Umstände sind beschissen.

Jeden Tag solche Textmengen ausstoßen zu müssen, bedeutet schlicht irgendwann geschlaucht zu sein. Das kann nicht anders kommen. Denn es geht ja nicht allein darum, die Zeilen einfach nur zu schreiben. Bis man die Zeilen hat, ist ja jede Menge Arbeit zu tun. Telefonate, Termine, schriftliche Anfragen, Besuche vor Ort, Fotos bzw. die Organisation von Fotos … na Recherche und so eben …

Für Ideen, für Funken, für Kreativität braucht es Luft zum Atmen, die nicht gegeben ist beim Hetzen von einer Zeile zur nächsten. Gute Zeilen allein schon in Sachen Stilistik wachsen davon auch nicht. Für gute Arbeit, gründliche Arbeit und schließlich den Anspruch der vierten Gewalt (... na Recherche und so eben ...) braucht es Zeit, die nicht gegeben ist beim Hetzen von einer Zeile zur nächsten.

Will ich damit jammern? Nö. Also ... jein. Dann könnte ich mir diesen schönen Job woanders suchen und Ruhe is. Genau an diesem Punkt fängt jetzt das Jammern an! Das Jammern über Journalismus heutzutage.

Es geht nicht um mich, es geht nicht um meine Redaktion, es geht nicht um dieses eine Medium. Das ist nur ein Beispiel aus dem konkreten Erleben. Wo auch immer man hinhört und sich mit Redakteuren austauscht, über welche Tageszeitung man auch immer in Branchenmagazinen liest, was auch immer die Gewerkschaften kommunizieren, was auch immer man recherchiert – das Problem ist (fast) überall genau das gleiche. Redaktionen sind personell zu knapp besetzt, immer weniger Leute müssen in Zeiten des Digitalisierungswahns (alles zuerst online, noch ein Video, schnell eine Bildergalerie) immer mehr Arbeit leisten und entfernen sich auch dadurch immer weiter vom Journalismus wie er sein sollte – die abverlangte Quantität killt jede Qualität. Und am Ende schimpft wieder einer Lügenpresse ... und ein Funke Wahrheit ist dran.

Montag, 20. November 2017

Ehrlich sein

"Hm, ich kann momentan nicht versprechen, dass Eure Kinder noch Artikel von mir lesen werden"*, sage ich. Und es fühlt sich richtig und richtig gut an. Gerade hat mich eine 14-Jährige gefragt, ob ich meinen Job bis zur Rente machen möchte. Kann sein, kann anders kommen, sage ich. Und dass ich das so sagen kann, finde ich gut.

Ich bin in diese Klasse von Teenagern gekommen, um gnadenlos ehrlich zu sein. Zu ihnen in erster Linie. Zu mir selbst. Ich finde, dass die Kids das verdient haben. Für einen Monat ist meine Zeitung täglicher Unterrichtsstoff für sie. Und während sie den Autoren des Mathebuchs vermutlich nie in die Finger bekommen - vielleicht besser für denjenigen - dürfen sie mich doch gerne löchern. Das ist der Job. Regelmäßig veranstaltet meine arbeitgebende Zeitung das Projekt an Schulen. Damit soll die Medienkompetenz von der Grundschule an gefördert werden. Das finde ich gut. Medienkompetenz ist wichtig. Aber nicht nur aus diesem Grund mag ich das alles. Im Rahmen des Projekts haben die Schulen die Möglichkeit, sich einen Journalisten einzuladen. Ich lasse mich gerne einladen.

Die richtigen Fragen


Ausnahmsweise stelle nicht ich die Fragen. Ich bekomme sie gestellt. Ich lerne dadurch vielleicht mehr als sie. Nebenbei bringe ich den Schülern bei, was ein Anker und was ein Aufmacher ist, was eine Reportage vom Bericht unterscheidet und worauf es in dem Job ankommt. Die Schüler sind interessiert. Sie machen mit. Die Finger schnepsen immer wieder nach oben. Es werden Notizen gemacht. Es wird gelacht. Sie hören zu. Sie spielen ganz locker mit mir durch, was mit der Ansage "Ab sofort gilt Samstagsschule" alles anzufangen ist und wie wir die gemeinsam von der Nachricht bis zur Reportage umsetzen könnten. Und plötzlich denke ich: "Ach, gucke an, du hast vielleicht noch mehr Talente als nur das eine."**

Tatsächlich habe ich nämlich lange geglaubt, ich könne nur (Lokal)Journalismus. Keine Frage, ich bin ein guter bis oft sogar sehr guter Journalist. Ich kann das. Das Problem ist vielleicht aber mein "Immer schon" auf die Frage des Mädchens vorne links, ob ich das schon immer machen wollte. Ja, immer schon wollte ich das und tatsächlich zählt eine Entscheidung im Alter von 9 bei einem Lebensalter von fast 34 wohl als "immer". Das war gut, es hat mir immer Sicherheit und einen meist sehr deutlichen Fahrplan gegeben.

Nun fragt mich das Mädchen vorne links, ob ich das bis zur Rente machen will und es ist kein Ja zu hören. Eher ein Vielleicht: Ich sage, dass ich es nicht versprechen kann. "Kann ich gar nicht glauben, sie erzählen so schön", sagt sie. Tatsächlich habe ich vorhin von unendlich vielen guten Dingen berichtet. Ich habe unter anderem erzählt, dass ich in meinem Job sogar Dinge verändern kann und Beispiele genannt. Ich habe die Frage nach der wichtigsten Geschichte meines Lebens mit "der über XL" beantwortet und alles ausgepackt. Ich habe von anderen bedeutenden Artikeln erzählt. Ich habe geschwärmt, das alte Kribbeln tauchte wieder auf. Ich habe zehn Jahre Laufbahn an ihnen und vor allem an mir vorbeifliegen lassen. Unglaublich, ich bin noch recht jung und schon ein alter Hase, so lange bin ich dabei.

Gelernt ist gelernt


Ob ich das ewig machen will, weiß ich in dieser Sekunde trotzdem nicht. "Vor fünf Jahren hätte ich noch ganz klar und ohne Zögern Ja gesagt", sage ich dem Mädchen nun, "aber die Dinge ändern sich. Ich sage ja auch nicht Nein." Sie guckt immer noch ein bisschen enttäuscht. "Weißt du, wenn die Bedingungen immer schlechter werden, kommt man schon ins Grübeln." Immer weniger Personal in allen Bereichen vom Sekretariat bis zur Druckerei und immer mehr Aufgaben, generell immer schlechterer Ruf für Journalisten, die freien Kollegen werden nicht fair entlohnt - das Mädchen versteht. "Und außerdem bin ich jetzt in so einem Alter, wo man überhaupt viel grübelt. Ich habe zwar noch ganz gaaanz viel vor im Journalismus, aber ich kann vielleicht auch noch viel mehr als nur das", sage ich und das Mädchen nickt.

Die Glocke läutet zur Pause. Die Schulstunde ist vorbei. Sie tat gut. Es ist lehrreich für beide Seiten, wenn man mal ehrlich ist. Ich erinnere mich wieder. Ich erinnere mich wieder, warum ich als Kind diese Entscheidung getroffen habe und dass sie gut war.

* Doch, das werde klappen, sagt ein anderes Mädchen und weist auf den Jungen auf der letzten Bank, der bereits Vater ist. Das werde ich doch sehr wohl noch schaffen, sogar mit Enkeln. Ist ein Deal, Mädchen!

** Vielleicht sollte ich Volontäre unterrichten, damit die wirklich mal was auf dem Kasten haben.

Dienstag, 31. Oktober 2017

Draußen vor der Redaktion

Ein Monat, der zwei Stürme beinhaltete, geht zu Ende. Wenn ein Sturmtief schon "Herwart" heißt, muss man nichts Gutes mehr erwarten ... was für ein selten dämlicher Name. Und so gab es auch jede Menge Ärger mit "Herwart" und seinem Kumpel "Xavier". Mich haben "Xavier" und "Herwart" daran erinnert, dass Journalismus draußen vor der Tür stattfindet.

Nicht, dass wir nicht doch Schreibtischtäter sind. Es ist schon gut, dass Artikel noch immer an Schreibtischen verfasst und nicht zwangsweise auf irgendwelchen Ackern getippt werden müssen. Es ist praktisch und bequem, dass man für den Job oft auf einem guten Stuhl sitzen kann und nicht kopfüber von einer Decke hängt. Und zum Journalismus braucht es ganz sicher nicht nur die, die draußen sind.

Journalismus ist es auch, ein sogenannter Blattmacher zu sein und über Themen und Layout zu entscheiden. Man ist den ganzen Tag drinnen, oft in klimatisierten Räumen und schaut (zu), wie sich Stück für Stück eine Zeitungsseite füllt. Es muss jemanden geben, der Aufgaben verteilt und Anweisungen gibt. Es ist auch ein Teil von Journalismus. Ohne geht es nicht. Und ohne ist das sicher auch nicht. Aber nur am Schreibtisch sitzen? Immer schön im Warmen bleiben? Nein, ich möchte das nicht. Für mich ist das nicht Journalismus. 

Vor der Tür


Für andere auch nicht. Als "Xavier" über das Land fegte, war ich mit dem Fotografen draußen. Leser - steht nach wie vor zu vermuten - wollen informiert sein, was draußen vor der Tür geschieht, auch wenn sie sich selbst nicht mehr raustrauen würden. Der Wind peitschte uns ins Gesicht und die komplette Ausrüstung zitterte im Wind. Mich schob eine Böe einmal von rechts nach links. Wir wurden so nass, dass unsere Hintern nach unserer Rückkehr von draußen noch eine Stunde später feuchte Abdrücke auf unseren Bürostühlen hinterließen. Noch im Wind brüllte er mir zu, wie "geiiil" das jetzt gerade wäre.

Ist es auch. Es ist unbequem und anstrengend in gewissen Situationen draußen zu sein, aber es ist unmittelbar und deshalb toll. Ich möchte nicht den ganzen Tag in einem Büro eingesperrt sein. Ich stehe lieber im Sturm und riskiere, dass mir ein Dachziegel auf den Kopf knallt als im Warmen zu sitzen und zu warten, dass sich die Geschichte bei mir meldet. Lieber hätte ich in meiner Traueranzeige stehen, dass ich im Job gestorben bin als dass ich wegen meiner bequemen Arschplattsitzerei auf dem Bürostuhl ein verfettetes Herz hatte. Für Journalismus braucht es freilich mehr als Sturmeindrücke. Es macht einen nicht zum besseren Journalisten, Blaulicht-Reporter zu sein. Es macht einen nur zu einer besonderen Gattung. Eine Zeitung besteht nicht nur aus "Katastrophen"-Berichten. Der gemeinsame Nenner "draußen" aber bleibt. 

Was bleiben muss


In einer Zeit, in der Journalismus - und gerade der Lokaljournalismus - immer mehr auf Effizienz gebügelt und die Produktion von Artikeln zum Fließband-Output von Zeilen geraten soll, müssen einige Dinge heilig bleiben.

Man darf als Journalist nicht ernstlich erwarten, dass einem ein Mensch, den man aus welchen Gründen auch immer porträtieren will, seine Lebensgeschichte am Telefon erzählt. Man darf als Journalist nicht ernstlich erwarten, dass die Menschen einer Stimme, die sie nur vom Telefon kennen, trauen können. Man muss als Lokaljournalist die Stadt gut kennen und sie täglich erleben. Man muss als Lokaljournalist die Dörfer wenigstens besuchen, über die man schreibt. Man sollte als Lokaljournalist die Gemeinderäte live erleben und nicht nur Beschlussvorlagen abtippen. Man mus sich für Menschen Zeit nehmen. Man muss viel.

Wie kannst du vom Schreibtisch aus Dinge beschreiben, die du nicht gesehen hast? Wie kannst du vom Schreibtisch aus Sachen schildern, die du nicht erlebt hast? Wie kannst du über einen Menschen schreiben, den du nicht kennengelernt hast? Wie kannst du nur vom Schreibtisch aus die Geschichten auftun, die einfach erzählt werden müssen? Wie kannst du wissen, was abgeht, wenn du kaum raus gehst? Schriftsteller können Fantasie nutzen. Journalisten sollten die Finger davon lassen.

Montag, 9. Oktober 2017

Die wichtigste Frau

Als ich Kind war, haben mir meine Eltern beigebracht, dass ich immer höflich sein soll und stets auch die Reinigungskraft, den Hausmeister und die Sekretärin grüßen soll. Sie bestanden sogar darauf, dass ich diese Personen ganz besonders zuvorkommend behandele. Hätten meine Eltern mitbekommen, dass ich das nicht getan und dafür den Direx vollgeschleimt hätte, hätte es aus mehreren Gründen - angefangen von Hochnäsigkeit bis hin zu Verkennen der Realität - mächtig Ärger für mich gegeben. Denn die genannten Personen seien immer die wichtigsten Menschen in allen Einrichtungen und Unternehmen dieser Welt und nicht nur deshalb bestehen meine Eltern auch heute noch auf gute Erziehung.

Dass das mit der nicht zu verkennenden Bedeutung wahr ist, erleben wir in der Redaktion seit ein paar Wochen Tag für Tag. Unsere Sekretärin ist krank. Die wichtigste Mitarbeiterin ist nicht da. Jetzt – spätestens – fällt auch dem letzten Team-Mitglied auf, was sie jeden Tag leistet. Hoffentlich. Das, was sie sonst tut, bleibt nämlich an uns hängen und macht Mehrarbeit, die nicht zu unterschätzen ist.

Nicht falsch verstehen... Es gibt bei uns kein „Fräulein Müller zum Diktat!“ und niemand käme auf die Idee, der Sekretärin einen Haufen Unterlagen zum Kopieren hinzuknallen oder sie zu bitten, doch mal eine Telefonnummer für einen rauszusuchen und auch noch zu wählen – solche Sachen machen wir immer selbst, alles andere wäre peinlich. Kaffee kochen können wir auch alleine. Wir sind schon eine Weile recht selbstständige Redakteure.

Allerdings fällt ohne Sekretärin noch mehr Arbeit an, die eigentlich nicht Bestandteil unserer Aufgaben ist und ohne die unsere Aufgaben doch nicht zu lösen sind. Tausend Kleinigkeiten, ohne die das große Ganze nicht läuft. Die Zeitungen sind zu archivieren. Die Post ist aus dem Briefkasten zu holen, zu sichten und weiter zu verteilen, mitunter muss sie weiter versendet werden. Belegexemplare müssen auf den Weg gebracht werden. Das allgemeine E-Mail-Postfach quillt über, wenn nicht stündlich jemand aufräumt, Mails sortiert und sondiert, weiterleitet an die richtigen Stellen und reagiert. Leserbriefe gehören abgetippt. Leserfotos müssen erfasst werden. Irgendjemand muss den Zimmerpflanzen in der Redaktion auch mal Wasser geben. Das Papier im Drucker geht zur Neige wie der Toner, irgendwie muss da neues Material ran. Überhaupt kommt Büromaterial nicht von selbst in die Redaktion gelaufen. Genauso verhält es sich mit Spülmaschinentabs und solchem Krams. Zwischendurch sind Leserfragen allgemeiner Art wie „Wo kann ich eine Anzeige aufgeben?“ und „Ich hatte heute keine Zeitung im Briefkasten!“ zu beantworten. Der Schornsteinfeger kommt in die Redaktion – jemand muss zwischen eins und vier vor Ort sein, um ihn in Empfang zu nehmen.

Weil im Sekretariat niemand sitzt, ist ja auch jeden Tag Tag der geschlossenen Tür in der Redaktion. Wir behelfen uns inzwischen mit einer Klingel. Alles in allem kein besonders niederschwelliges Angebot an die Leute, um mit ihrer Lokalredaktion Kontakt aufzunehmen – man kann nicht einfach zur Tür hereinspazieren und mal etwas ansprechen, man kann nicht direkt anrufen, sondern landet auf irgendeiner Rufumleitung und man kann nicht mal einfach was abgeben. Und es ist bitter zu wissen, dass das Unternehmen an der Schließung der Sekretariate in Außenredaktionen festhält. Geht unsere Sekretärin in Rente – und das ist bald – wird es immer so sein, dass da niemand ist … den Tag fürchten wir nicht nur wegen der Mehrarbeit, sondern vor allem für die Leser. Ohne Sekretärin geht es vielleicht, aber es läuft nicht.

Dennoch gibt es mindestens noch einen im „Team“, der nicht begriffen hat, dass sich eine Geschirrspülmaschine weder alleine ein- noch alleine ausräumt. Es gibt auch mindestens immer noch einen, der an einer großen schweren Kiste voller Zeitungen vorbeiläuft und sich dann wundert, dass er nicht vom gewohnten Platz die heutige Ausgabe fingern kann. Es gibt auch mindestens immer noch einen, der die Klingel nie hört. Es gibt mindestens immer noch einen, der in Deckung vor dem Leser geht. Vermutlich wird „Team“ in diesem Fall als „Toll, ein anderer macht‘s“ verstanden. Auch das ist im Journalismus so fehl am Platz wie ein verwaistes Sekretariat.

Sonntag, 1. Oktober 2017

Nonline

Journalisten sollten bei Twitter sein. Diese Botschaft stampft immer wieder an mir vorbei. Im Internet. Ich folge - bei Facebook - diversen Portalen und Ratgeberseiten für Journalisten und dort wird mir von denen immer wieder angezeigt, dass ich wiederum bei Twitter mitmischen sollte, das sei wichtig für Themenfindung, um Themen nicht zu verpassen und fürs Selbstmarketing.

Ich denke mir jedes Mal: Nö, isch möschte das nischt! Denn mir geht schon das sogenannte soziale Netzwerk Facebook oft genug auf den Senkel, als dass ich unbedingt noch eine Plattform nutzen und bedienen wollte. Das Internet insgesamt nervt mich viel zu häufig, als dass ich noch eine Funktion dort nutzen wollte.

Ich will den Ausschalter haben


Ja! Ich bin 33 Jahre alt und habe oft die Sehnsucht, das Internet zu löschen. Das passt nicht ganz zu meinem Job. Wir sollen ja jetzt alle total online-affin sein und uns einen abfeiern, weil wir Videos ins Netz pusten. Und das passt nicht ganz zu meiner Generation. Wir sind ja angeblich alle total online-affin und ständig im Netz, weil es so geil ist.

Meine Euphorie ist regelmäßig deutlich gebremst. Und dann wieder ganz weit oben. Ich kann mich nicht entscheiden ... Es gibt so viele tolle Seiten. Ich chatte mit Freunden. Ich habe Blogs im Netz. Ich lese total viel auf Online-Portalen. Meine Arbeit gewinnt durch schnelles Agieren im Internet. Aber: Online sein ist nicht alles. Oft mache ich mir Gedanken über eine Welt ohne Netz ...

Neulich hatte ich ziemlich spezielle Probleme beim Onlinestellen eines Artikels. Es ging kurze Zeit gar nix mehr online zu stellen oder auch nur zu aktualisieren. Ich schrieb die "Wir machen was in diesem Internet"-Beraterin unserer Lokalredaktion an, schilderte die Probleme und meine versuchten Lösungsansätze. Und ich schrieb "Vielleicht habe ich das Internet kaputt gemacht." - und ich war dabei sogar ein bisschen hoffnungsvoller als ich es vielleicht sein sollte.

Nein. Eigentlich möchte ich nicht das Internet kaputt machen. Es ist - wie gesagt - eine tolle Sache, aus vielen Gründen. Beruflich blühte ich ja erst so richtig auf, als es uns Redakteuren plötzlich möglich gemacht wurde Artikel auch selbst, sowie ganz schnell und unkompliziert im Internet zu veröffentlichen. Als andere in der dazugehörigen Schulung schon im Grundsatz murrten und dieses Internet ablehnten, stellte ich nur die Frage, ob ich dann endlich schnell Artikel online schießen kann und war angesichts der Antwot mit Feuereifer dabei. Ich erhielt zudem Zugriff auf das Facebookportal meiner Lokalausgabe und durfte dort ebenfalls sofort und ohne große bürokratische Umstände posten. Der Hintergrund meiner Euphorie: Das alles ist sehr praktisch, wenn man sich als Blaulichtreporter betätigt - denn nach Feierabend, nachts oder im Morgengrauen findet man keinen Kollegen oder Chef, der das für einen übernehmen würde.

Dass ich auch privat bei Facebook bin, hat mir ja auch viel gebracht. Dabei stieg ich recht spät dort ein, etwa im Alter von 26 Jahren. Grund war schlicht, dass die Stadtverwaltung meines Berichtsgebiets dort eine Seite erstellte und ich mir im Klaren war, dass auf der viel laufen wird, was wir als Redaktion nicht verpassen sollten. Ich nutzte mein Profil mehr und mehr zur Nachrichtenbeobachtung. Ich behielt nicht nur meine, sondern auch andere Städte und etliche andere lokale Seiten im Auge und so manche Story - und sei es nur eine Kleinigkeit - hätten wir vermutlich verpasst ohne Facebook, ohne mich.

Mein privates Profil wurde spätestens mit meiner Selbstständigkeit zu einem Berufsprofil. Ich nutzte das Ganze für Marketing - "Frau Jacob ist schnell da, wenn es brennt", "Frau Jacob ist am Puls der Zeit", "Lest die Artikel von Frau Jacob!" und "Frau Jacob ist 'ne dufte Person" lauteten in etwa meine Botschaften für das "Produkt", welches ich war. Ich nutzte und nutze Facebook, um Geschichten aufzutun und Leute zu finden. Ich erhalte via Facebook wertvolle Tipps und manche Sache in der Stadt hätte ich ohne das Netzwerk vermutlich verpasst oder erst zu spät entdeckt. Ob ich mit Facebook das Ohr wirklich an der Masse habe, wage ich angesichts so mancher asozialen Diskussion im sozialen Netzwerk aber zu bezweifeln - denn dann wäre die Masse erschreckend dumm. Schlaue Sachen und Nutzen/Nutzer gibt es zum Glück: Ich nutze Facebook mit einer geschlossenen Gruppe als Ratgeber und Wegweiser meiner Arbeit.

Die Geister, die ich rief


Ansonsten sitze ich oft da und staune über die Geister, die ich rief. In mein Messenger-Postfach trudeln regelmäßig Nachrichten von Menschen, denen die Zeitung nicht zugestellt wurde - dabei bin ich doch nur Redakteur und nicht im Vertrieb. In meinem Messenger-Postfach fragen mich Menschen, ob diese oder jene Ankündigung eines Vereins-, Garten- oder XY-Festes schon in der Zeitung war und ob ich das mal fix schicken könnte - was besonders lästig wird, wenn noch dazu zu der Stadt unserer Lokalausgabe gefragt wird, in deren Gebiet ich gar nicht arbeite und wo ich erst recht nicht als Archiv funktionieren kann. Wenn die Sirene geht, schreiben mir Menschen neugierige Nachrichten, was denn bei der Feuerwehr los sei, noch bevor ich überhaupt für mich die Frage geklärt habe, ob ich den Einsatz wahrnehme. 

Die Sache wird verschärft, denn: Meine Kollegen sind entweder nicht bei Facebook, nicht unter ihrem Klarnamen dort zu finden oder wenn sie bei Facebook sind, interessiert sich niemand dafür. Also falle ich nach wie vor dort auf. 

So kommt es seit eingen Monaten immer wieder vor, dass ich in Diskussionen markiert werde und mich dann vor Tausenden Menschen äußern soll, genau als "die Frau Jacob von der Zeitung" und quasi im Namen der Zeitung. Als es "nur" um die Bauplanungen rund um eine Bahnschranke in meiner Stadt ging, steckte ich das noch souverän weg und verfasste einen Kommentar, bei dem keine Fragen mehr stehen blieben. Ich machte in einem Satz deutlich, was ich als Mitarbeiter dieser Zeitung tun kann (nachfragen) und in etlichen anderen Sätzen klar, was ich persönlich von dem ganzen Komplex halte - das ging flott von der Hand, denn mit Eisenbahngedöns kenne ich mich ziemlich gut aus. 

Das Ende der Souveränität


Am vergangenen Sonntag wurde ich zu einem Statement genötigt, wann die lokalen Ergebnisse der Bundestagswahl veröffentlicht werden. Ich rastete offline aus und konnte online nicht souverän bleiben. Ich schrieb - mal mehr oder weniger zwischen den Zeilen -, dass ich weder der einzige noch der Chef-Redakteur der Zeitung bin und man nicht einfach irgendeinen Journalisten, den man zufällig bei Facebook markieren kann, ständig vors Loch schieben sollte, sich zur Blattplanung und noch ganz anderen Dingen zu äußern.

Am nächsten Morgen wurde mir beim Lesen selbst klar, wie überspannt ich reagiert hatte. Aber Kommentare lösche ich nicht, da habe ich eine klare Linie. Ich stand zu meinem Geschreibsel. Wie gut. Am darauffolgenden Morgen dachte ich nämlich dagegen sehr wohl, wie recht ich doch hatte und habe. Auch ich habe mal ein Recht auf ein privates Leben. Vor allem habe ich das Recht, nicht ständig die Zeitung zu vertreten, für diese gerade zu stehen oder mich für deren Linie kritisieren lassen zu müssen - und das oft nur deshalb, weil die User sonst niemanden gegriffen kriegen.

Die Frage "sein oder online?" ist für mich inzwischen geklärt. Ich werde bei Facebook bleiben. Und ich werde es nach meiner Wahl nutzen. Es hat viele gute Seiten, die gut für meine Arbeit sind und von denen ich noch überzeugt bin. Privat ist es auch ganz nett. Oft genug nervt es mich - privat und beruflich. Das darf ich auch zeigen. Drum fällt Twitter aber sowas von aus für mich! Und ich bediene ihn immer wieder, den Aus-Knopf für dieses Internet. Denn den hat wirklich jeder von uns!