Sonntag, 16. Juni 2013

Gespült


Wir in der kleinen Redaktion sagen gerne mal „Das spülen wir“ oder „wird gespült“, wenn wir Journalisten keine Lust auf ein Thema haben oder sonst irgendwie der Meinung sind, dass es nicht weiter von Interesse für niemanden oder eben uns selbst ist. Andere greifen da zu Ausdrücken wie „Rundablage“ und meinen den Papierkorb, Journalisten spülen eben Dinge gerne mal und legen sie so ad acta.

Doch die Ereignisse der vergangenen zwei Wochen brachten mir eine andere Sichtweise auf die Spül-Floskel. Ich möchte jetzt nicht mehr so einfach Dinge spülen, werde vorsichtiger mit diesem Ausdruck umgehen. Es war und ist in Teilen Deutschlands ja noch immer Flut, da wollen Worte mit Bedacht gewählt sein. Die Region um mich herum liegt inzwischen zwar wieder auf dem Trockenen und kommt nun mit dem großen Aufräumen, sich sortieren, Bilanz ziehen und der Analyse der verursachten Schäden und Schmerzen wieder auf die Beine und zu neuer Kraft. Aber der Weg wird noch ein sehr weiter sein. Da können wir nicht mehr einfach so spülen.

Die vergangenen zwei Wochen waren in und um die Redaktion verrückt wie lange nicht. Das Wasser kam und die Dinge schlugen Wellen! Viel Arbeit türmte sich auf, wir waren ununterbrochen im Einsatz, um zu berichten und jeden Tag eine Zeitung zu produzieren. Zwar hatten wir im Gegensatz zur Flut 2002 das große Glück, dass nicht Teile unserer Redaktion oder auch Kollegen selbst betroffen waren, aber wir mussten doch eine Menge paddeln, um nicht zu stranden in dieser Situation. Stress pur, Adrenalin pur, viel Hin und Her, viel Chaos. Das große Loch nach dem Stress und dem Adrenalin kam jetzt als alles vorbei war. Da fällt auch der Beobachter/Journalist ins Bodenlose – mal kurz und mal was länger, das Chaos hält dann auch noch ein wenig an. Unglaubliche und in weiten Teilen sehr unschöne Szenen trugen sich aber bis zum Flutende zu. Nicht jeder von uns schwamm in diesen Tagen oben auf.

So trug es sich zu, dass eine Kollegin beim Blick auf die Nachbarstadt in einem anderen Land- und Zeitungskreis befand, dass uns deren Flut (die Flut war ja aber unser aller Flut) nix weiter angeht. Dass die Kommune auch nur 15 Fahrtminuten entfernt liegt, interessierte sie nicht weiter. Tja, das macht der Stress. Erst am nächsten Tag kam ihre Erkenntnis. Man müsse in der Berichterstattung nun auch einmal erwähnen, dass viele unserer Leser in die Nachbarstadt und an deren großen nun voll und voller laufenden Tagebaurestlochsee fuhren. Knallzart gesagt: Die Betroffenheit also erkläre sich aus dem Mangel an Genuss. Mir platzte sofort der Kragen, was ich hier nicht näher beleuchten will – es könnte ja sein, ein Minderjähriger liest hier mal und die Sprüche waren nichts für Kinderohren beziehungsweise Kinderaugen. Sehr unsachlich. Die Nerven.

Jene Kollegin lieferte sich dann auch einen Dialog mit einer anderen, den ich hier mal zum Besten geben werde. Wer von beiden wer ist, tut gar nix zur Sache. Wichtig ist, was die beiden zu sagen haben:
„Unglaublich ist ja, wie viel Blödsinn auf den Deichen geredet wird.“
„Ja, wirklich. Da wird unglaublich viel Mist geredet. Vor allem von Leuten, die keine Ahnung haben von den ganzen Zusammenhängen.“
„Ja, die stellen dann auch nur dumme Fragen und wissen von nix, schwingen aber schlaue Reden.“
„Da möchte man doch wirklich einfach nur mal sagen, dass sie die Fresse halten sollen.“
„Ja, dumme Leute sollten einfach mal die Fresse halten!“
Ich habe den Raum verlassen. Ohne etwas zu sagen. Aber: So herzhaft gelacht habe ich selten in diesen Fluttagen. Man mag sich doch die Situation auf dem Deich gar nicht ausmalen.

Richtig übel wurde es als unser an den großen See der Nachbarn grenzende etwas kleinere See voll und voller lief und die Nachbarkommune immens gefährdete. Ich mag den See sehr und denke gerne an die wunderschöne und naturbelassene Landschaft dort draußen, dort kann man die Dinge wirklich noch genießen und sich mal frei fühlen – obwohl das nur ein Tagebaurestloch ist, entstehen dort wunderbare Dinge, eine neue Natur und eine völlig neue Welt. Ich habe dort sogar mal eine wunderbare kleine Wiese gefunden, die mir in den Tagen der Flut und immenser Wassermassen mit unglaublich viel Druck auf alle schützenden Deiche wahrscheinlich leider vollkommen verloren gegangen ist. Ich habe wunderbare Momente am See erlebt. Jetzt weiß ich nicht, wie es genau am See aussieht und was zum Beispiel aus der Wiese und der restlichen Natur genau geworden ist. Wiesen können ja dummerweise nicht schwimmen und zu viel Wassermasse halten sie sicherlich auch nur schlecht lange aus. Und Flut war ja lange und viel. Ich werde also abwarten müssen und demnächst einfach mal gucken fahren, wenn die Luft rein ist. Das hat mich also in den Tagen der Flut schon auch persönlich sehr betroffen gemacht. Zudem habe ich mit jedem abgesoffenen Hausbesitzer, mit jedem Evakuierten gelitten - wie es so meine Art ist Anteil zu nehmen und Gefühle zu zeigen, wo sie vielleicht professionell versteckt gehören. Wenn da aber den Kollegen nichts anderes einfällt als noch in den Zeiten des stetig und bedrohlich steigenden Wasserpegels zu fragen, ob ich etwas über den Zustand des Radwegs um den See wüsste, bekommt man einen Ausraster... Er sei so gerne dort geradelt und wollte am Wochenende mal wieder radeln, bedauerte der Mann. Seine Freizeitgestaltung geriet ins Wanken. Das tat mir sehr leid für ihn. Ich schlug dem Kollegen dennoch in aller „Freundlichkeit“ vor, doch einfach raus an den See zu fahren und sich eben nasse Füße bei der schönen Radtour zu holen, wenn er um die Einsatzkräfte von THW über Bundes- bis Feuerwehr auf dem bisschen trockenen Beton seine Runden dreht und dabei vermutlich Schwimmflügel und ein dickes Fell gegen die Schelte der Einsatzkräfte braucht. Pah! Also ehrlich … das kann man doch wirklich nicht unkommentiert lassen! Da muss man doch scharf schießen! Da muss man doch was sagen! Das kann man doch nicht spülen! Die Wochen der Flut haben uns alle fertig und die Nerven blank gemacht.

Zusammenfassung für meinen Mann: Flut braucht wirklich keiner und es ist in Ordnung, dass du mich nicht liest!

1 Kommentar:

Die Füchsin hat gesagt…

Sehr gut geschrieben! Schlimm ist auch, von Kollegen zu hören, das sei ja alles nicht so schlimm. "Das macht doch nur die Presse!" FRESSE!