Sonntag, 7. September 2014

Wunderwandelbar

Es ist grad alles ein bisschen anders und doch wie immer. Eigentlich. Die vier kommenden beziehungsweise gerade angebrochenen Monate bis 2015 bin ich nicht hauptamtlich als Lokaljournalistin in der eigenen Stadt aktiv. Eigentlich. Journalismus ist für mich ja eher eine Lebenseinstellung ... und eine Sache, von der ich in meinen besonders verzweifelten Momenten sage: "Ich kann nicht mit, ich kann nicht ohne." Seltsame Beziehungskiste, die wir da haben, der Journalismus und ich ...

Abstand hilft ja, wenn es beziehungstechnisch grad mal nicht so läuft. So übernehme ich gerade eine Elternzeitvertretung beim wöchentlich erscheinenden Anzeigenblatt in der großen Stadt unweit meiner kleinen Stadt. Ich trage die redaktionelle Verantwortung einer ganzen lokalen Ausgabe dieses Blattes - nur ist es nicht meine eigene "Lokalität". Als ich grad in Brandenburg urlaubte (ich nenne es "brandenburgen") wurde ich gefragt, ob ich das machen würde - und ich habe zugesagt. Fürwahr kann man sicher trefflich darüber streiten, ob mir das außer Geld auch noch was für meine persönliche/journalistische Entwicklung bringen wird. Ich sage: JA!

Ja, ich liebe meinen Job. Ja, ich will keinen anderen als den. Ja, ich will nach diesen vier Monaten ganz schnell wieder zurück. Ja, ich will tagesaktuellen lokalen Journalismus machen.

Aber, ich brauch nur mal kurz einen anderen Job. Ich gönne mir mal eine Affäre - nebenbei hab ich trotzdem noch eine ganz große Gefühlskiste mit dem Job laufen, mit dem ich seit Jahren verheiratet bin. Ich bin gerade Teilzeitlokaljournalistin. Das ist echt nicht schlecht. Ich nutze die kommenden Monate dazu, mal nicht täglich 80 bis 300 Zeilen aus mir rauszuholen, permanent unter Strom zu stehen, alles mitzukriegen, alles zu erledigen, alles regeln zu wollen - und dabei auch noch meinem eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Ich muss nicht die Arbeit anderer übernehmen, weil sie es grad zeitlich oder sonst irgendwie nicht packen. Ich muss nicht warten, dass der Kollege seinen Text zum Korrekturlesen freistellt - ich bin eben allein verantwortlich für ein Blatt, redigiere fast nur, baue Seiten und "chefe" ansonsten ein bisschen rum, alles nach meinem Takt. Ich habe mal geregelte Arbeitstage mit geregeltem Feierabend. 16 Uhr kann der Hammer fallen, oder sogar eher. Ich kann abschalten zum Feierabend. Die Bürotür ist zu und der Job ist Job, das Herz hängt nicht daran. Es gibt keinen täglichen Produktionsdruck. Ich muss nicht täglich Artikel abliefern. Der Job ist mit Sicherheit nicht ohne - aber gerade frisch aus der Tretmühle der Tageszeitung heraus, merke ich wie nah das Burnout zuletzt für mich war. Es hat zuletzt keinen wirklich großen Spaß mehr gemacht. Ich habe nur noch funktioniert.

Dass ich die Notbremse rechtzeitig gezogen habe, merke ich an der frisch verliebten Laune tief in meinem Journalistenbauch. Ich sehe meine Stadt wieder mit anderen Augen. Da liegt der Aufmacher wieder auf der Straße und ich hebe ihn gerne auf. Schreiben macht wieder richtig Spaß. Ich spule nicht mehr das Handwerkszeug ab, das ich - zum Glück - beherrsche. Aber weil ich mein Handwerk beherrsche, konnte auch kaum einer herauslesen, dass bei mir die Luft lange raus war. Jetzt kann ich wieder mit Worten spielen. Und ich widme mich gerade in aller Ruhe meinen Herzensangelegenheiten und nehme mir richtig viel Zeit für "meine" Geschichten und "meine" Leute. Call a Jacob. Ich mache jetzt die Geschichten, auf die ich wirklich so richtig Lust habe. Heißt: Jeder, dem ich jetzt in meiner Freizeit eine Zeile aus meiner Feder widme, darf sich - erst recht - geehrt fühlen, dass ich komme! Ich mache meinen Job wieder richtig gerne. Ich liebe meinen Job. Und das macht wieder Sinn!

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